Reiflertheater
Regie

Presseberichte

Tages-Anzeiger vom 15.11.2004

Bellevue

Frust und Lust unter der Bluse

Eine Theater-Fantasie über Frauen im Schatten grosser Männer: Was hätten Katharina Luther, die RAF-Frau Gudrun Ensslin und Frau von Goethe wohl zu sagen gehabt?

Von Daniela Janser

Die Ehefrau ist konsterniert. Ihr Mann kämpft jahrelang im Krieg, missbraucht seine Macht und liegt ständig bei Geliebten. Oder anders gesagt: Es steht nicht alles zum Besten in Griechenland, obwohl König Agamemnon soeben siegreich von der Schlacht um Troja nach Hause gekommen ist. Seine Gattin Klytämnestra hat von allem genug und ersäuft ihn mit Hilfe ihres Liebhabers in der Badewanne. Am Totenbett rechnet sie ab mit dem Angetrauten. Eine Hure beklagt derweil die Dummheit von Frauen wie Lysistrate, die glauben, dass man die männliche Kriegslust mit Sexentzug kurieren könne. Soweit die antike Ausgangslage des Theaterstücks «Wenn du geredet hättest . . .», das der Regisseur Björn Reifler zusammen mit dem Laientheater Nora in den folgenden Wochen und Monaten an ungewöhnlichen öffentlichen Orten zur Aufführung bringen wird.

Am anderen Ende der Zeitskala und Bühne tigert das RAF-Mitglied Gudrun Ensslin durch ihre Gefängniszelle. Ab Band hören wir Eva Brauns eitles Geschwätz, dazwischen steht die junge Desdemona, die von ihrem Othello während der Hochzeitsnacht in eifersüchtiger Raserei erdolcht wurde. Und als ob das nicht schon genug wäre, sitzen da auch noch die zugeknöpfte Ex-Nonne und nachmalige Ehefrau von Martin Luther sowie Goethes lebenslange Geliebte Christiane, die der Geheimrat erst nach zehn Jahren freier Liebe vor den Traualtar führte. Während Frau Luther laut über das Dilemma von zwei ehemals zölibatären Kirchenleuten nachdenkt, die der Lust nun nachgehen «dürfen», aber ihre Verklemmtheit doch nicht ganz ablegen können, trinkt Frau von Goethe munter auf die lustigen Stunden mit Wolfgang im Gartenhäuschen. Nach und nach mischen sich die Stimmen, es entstehen Dialoge zwischen unterschiedlichen Zeiten und Welten.

Das Verschweigen von Frauen

Es handelt sich bei «Wenn du geredet hättest . . .» wie gesagt um Laientheater, das Schauspiel überzeugt nicht immer ganz, das Bühnendeutsch ist ungeschliffen. Trotzdem stellt sich ein Effekt ein, der diese Unebenheiten vergessen lässt. Es entwickelt sich eine Chemie zwischen den Zuschauenden und den Damen auf der «Bühne». Nicht zuletzt, weil man sich gewahr wird, dass all diese erfundenen ungehaltenen Monologe nur die Spitze einer Tradition des Schweigens und Verschweigens von Frauen sind, die von jeher die offizielle Geschichtsschreibung begleitet. Und deren Wahrheiten herausfordert.

«Wenn du geredet hättest . . .» (nach einem Buch von Christine Brückner) wird als Nächstes morgen Dienstag um 20 Uhr im Jugendkafi Stadtmur in Winterthur gespielt. Eine Reihe weiterer Daten findet sich unter www.reiflertheater.com


Landbote vom 11.11.04

THEATER NORA

Worte von historischer Bedeutung

Das Theater Nora adaptiert fiktive Monologe der Autorin Christine Brückner und schafft so ein aussagekräftiges Stück.

von Sophie Gut

«Ich war nicht nur die Frau des Agamemnon», sagt Klytämnestra. Sie hasst das Meer und die Schiffe und hat keine Lust, ewig auf zurückkehrende Abenteurer zu warten. Ausserdem hat ihr Mann die Tochter Iphigenie geopfert, «für nichts als guten Wind». Dies alles war zu viel, und darum hat Klytämnestra ihren Mann im Bad ertränkt, nicht nur weil sie einen anderen liebte.

Das Publikum sitzt zwischen Käsetheke und Gewürzregal, zwischen Wein und Pasta. Krebs' Kleine Markthalle wurde als Ort für die Premiere von «Wenn du geredet hättest ...» gewählt. Nicht nur Klytämnestra holt hier eine Rede nach, die sie nie gehalten hat, auch sechs andere Frauen aus Geschichte und Literatur halten «ungehaltene Reden». Über ihre berühmten Männer und die Politik ihrer Zeitalter. Für diese Reden werden alltägliche Orte gewählt; weitere Aufführungen des Stücks werden in einer Bibliothek, einer Bar und einem Hallenbad stattfinden. Die Begegnung mit den Figuren erscheint somit fast zufällig und dadurch um so realer.

Politik im Bett

Frauen wie Christiane von Goethe, Katharina Luther oder Eva Hitler hat die Autorin Christine Brückner in ihrem Buch «Wenn du geredet hättest, Desdemona» Worte in den Mund gelegt, fiktive Worte über reale und fiktive Begebenheiten. Das Theater Nora mit Regisseur Björn Reifler hat sieben Monologe aus dem Buch gewählt und zu einem Stück verarbeitet. Unter den Schauspielerinnen, mehrheitlich Theaterpädagoginnen, ragen Gisela Aeschbach als Klytämnestra, Isabelle Gut als Katharina Luther und Silvie Pulsfort als Megara mit besonderen schauspielerischen Leistungen heraus. Megara, die berühmte Hetäre Athens, regt sich auf über die ebenso berühmte Idee von Lysistrate, die Frauen sollten sich ihren Männern verweigern, bis diese den Krieg beendeten. «Enthaltsamkeit macht angriffslustig», korrigiert Megara und fordert dazu auf, den Männern im Bett die Energie zum Kampfe zu nehmen. Die Damen bedienen sich derweil an den Lebensmitteln im Laden, und das Zusammentreffen erscheint so wie eine Marktszene, die geschichtliche und kulturelle Grenzen überschreitet.

Zusätzliche Botschaften

Die eloquenten Frauen halten dabei nicht wie im Buch nur ihre Monologe, sondern unterbrechen einander, knüpfen lose an Gesagtes an und vermischen ihre unterschiedlichen Perspektiven. Die Querverbindungen, die dabei entstehen, enthalten zusätzliche Botschaften: wenn Eva Hitler (nicht durch eine Schauspielerin, sondern durch eine Stimme ab Band dargestellt) naiv und verklärt über «ihren Führer» spricht und ausserdem beteuert, sie hätte sich nie eingemischt, unterbricht Megara und mahnt an die potenzielle Macht der Geliebten, den Machthaber politisch zu beeinflussen. Katharina Luther emanzipiert sich inzwischen von der Kirche: «Zu mir spricht Gott auch in der Küche.» Damit ist sie plötzlich der deutschen Terroristin Gudrun Ensslin gar nicht unähnlich, wenn diese sich gegen die patriarchalische Gesellschaftsordnung und deren monopolhafte Institutionen wehrt: «Politik findet auch im Gerichtssaal statt. Und im Bett und im Kindergarten.»

Das patriarchalische Verfügen über Macht, Glaube und Recht ist für mehrere Figuren ein Thema, andere beschäftigen Machtverhältnisse auf der privaten Ebene. So wehrt Desdemona sich etwa gegen Othellos Mordabsichten und dessen Eifersucht und setzt Respekt und Vertrauen dagegen. Shakespeares Venezianerin wird so zu einer eigenständigen und vollständigeren Figur. Wenn Frauen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sich in dieser Art verselbständigt hätten, so die Idee des Buches und des Stücks, hätten viele Geschichten anders verlaufen können.


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