Reiflertheater
Regie

Die Möwe

nach Anton Tschechow

Aufführungen im Jahre 2004 auf der Dorfbühne Wermatswil

Das Stück

Tschechows Komödie spielt auf dem Land im zaristischen Russland der Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert). In schrecklicher Langeweile öden sich die Gäste auf einem Landsitz einander an: Sie gehen sich mit kleinen Sticheleien auf die Nerven und machen sich so das Leben zur Hölle.

Der Sohn einer ehemaligen Schauspielerin Konstantin Gavrilovic Treplev will Schriftsteller werden und hat ein kleines Theaterstück geschrieben, welches am Abend auf einer improvisierten Bühne den anderen Gästen vorgespielt werden soll: "Die Möwe". Die Hauptrolle spielt dabei seine Geliebte und Muse Nina. Treplev leidet jedoch unter der ständigen Nörgelei seiner Mutter, die sein schriftstellerisches Talent und sein ganzes Leben in Frage stellt. Außerdem hat sie einen jugendlichen Freund, Boris Alekseevic Trigorin, der ebenfalls und bereits sehr erfolgreich Schriftsteller ist. Diesen Trigorin führt sie immer wieder an, wenn sie versucht, Treplevs Selbstvertrauen in sich und seine Arbeit zu schwächen. Bei der Aufführung von Treplevs Stück kommt es schließlich zum Eklat, Mutter und Sohn geraten in Streit... Mehr und mehr zeigt sich, daß Nina sich zu Trigorin hingezogen fühlt, zu seinem Charme und seinem Erfolg, der Treplev bisher versagt war. Als Treplevs Mutter und Trigorin abreisen, um zurück nach Moskau zu gehen, verläßt Nina Treplev und schließt sich Trigorin an, um fortan als Schauspielerin an seiner Seite zu sein.

Jahre vergehen und Treplev ist inzwischen ein erfolgreicher aber einsamer Schriftsteller. Unerwartet taucht Nina wieder auf. Sie hat enttäuscht Trigorin verlassen. Erfolg als Schauspielerin hatte sie, aber das Leben in Moskau hat sie sich anders vorgestellt. Sie ist am Versuch, ihre Träume zu verwirklichen gescheitert. Dennoch will sie nicht zu Treplev zurückkehren und verläßt ihn abermals. Treplev, der zwar den ersehnten Erfolg als Schriftsteller erreicht hat, als Mensch aber unfreiwillig an der Realität scheitern musste, erschießt sich schließlich.

Der Autor

Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904)

Tschechow gehört zu den bedeutendsten russischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Mit seinen Erzählungen und Dramen steht er zwischen kritischem Realismus und literarischem Impressionismus.

Er wurde am 29. Januar 1860 in Taganrog (Ukraine) geboren. Bereits während seines Medizinstudiums in Moskau schrieb und veröffentlichte er humorvolle Kurzprosa in verschiedenen Zeitschriften. Ein erster Sammelband mit Kurzgeschichten erschien 1886 unter dem Titel "Bunte Erzählungen". Tschechows Bühnendebüt "Ivanov" (Iwanow) kam ein Jahr später in Moskau auf die Bühne. 1890 reiste Tschechow nach Sachalin und besuchte die dortige Strafkolonie, ein Erlebnis, das ihn stark beeindruckte. 1898 zwang ihn sein schlechter Gesundheitszustand - er litt an Lungentuberkulose -, Moskau zu verlassen und sich im wärmeren Klima der Halbinsel Krim niederzulassen. Mehrere Kuren führten Tschechow auch nach Westeuropa.

In den späten neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts lernte Tschechow den Schauspieler und Regisseur Konstantin Sergejewitsch Stanislawski kennen, der das Moskauer Künstlertheater leitete. Dort wurde 1898 Tschechows Bühnenstück "Èajka" (1896; Die Möwe) uraufgeführt, wobei der Regisseur der neuen Dramenform des Autors eine adäquate Inszenierung zuteil werden ließ. Mit Stanislawski arbeitete Tschechow bis zu seinem Tod zusammen. Er starb am 15. Juli 1904 während eines Kuraufenthalts in Badenweiler (Schwarzwald).

Tschechows Dramen weichen vom klassischen Aufbau ab und gruppieren ihre spärliche Handlung eher um Figurentypen, deren Seelenlage sie beleuchten. Auf diese Weise porträtieren sie den sinnentleerten russischen Alltag vor der Revolution von 1905: Das langweilige Dasein der Menschen, die in ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation gefangen sind und angesichts der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nur mehr resignieren können, steht hier deutlich im Mittelpunkt. In "Die Möwe" erfindet der Schriftsteller Trigorin eine Geschichte, in der ein Mann ein Mädchen aus purer Langeweile zugrunde richtet - abermals ein Symbol der existentiellen Leere des Personals. Zur Umsetzung dieser Themen entwickelte Tschechow eine neue Technik der dramatischen Darstellung, die er selbst als "indirekte Handlung" bezeichnete. Hierbei legte er den Schwerpunkt auf die Darstellung der Seelenstimmung seiner Charaktere, die er nebeneinander bzw. gegeneinander stellte, und weniger auf die Handlung selbst. Typisch für Tschechows Stücke ist, dass sich wichtige dramatische Ereignisse hinter den Kulissen abspielen und dem Ungesagten oft eine höhere Bedeutung zukommt als dem direkten Wort. In Russland werden Tschechows Werke in erster Linie dem kritischen Realismus zugerechnet; doch zeichnen sich Tendenzen in der formalen Gestaltung ab, die auf den europäischen Impressionismus und Symbolismus weisen. (Dazu gehören etwa der Einsatz klanglicher Effekte und die rhythmische Wiederholung von bestimmten Themen und Motiven.) Seine Bühnenstücke sind ebenso wie seine Erzählungen Studien des inneren Scheiterns der Charaktere in einer sich auflösenden Feudalgesellschaft. Zu den deutschsprachigen Bewunderern Tschechows gehörte u. a. Thomas Brasch, der einige seiner Werke übersetzte.

Die Inszenierung

Um das Stück "Die Möwe" von Anton Tschechow verständlicher zu machen - und somit einfachere Szenen humoristisch gestalten zu können - sowie die Inszenierung dem Publikum und den schauspielerischen Möglichkeiten anzupassen, musste ich das Bühnenstück vorerst überarbeiten.

Sollte die Situationskomik wirken, mussten die Situationen vorerst in ihrer Komplexität reduziert werden. Damit die SchauspielerInnen die Möglichkeit hatten, die Figuren gut auszufüllen, wollte ich den Figuren von Vornherein mehr Durchsichtigkeit geben.

Ich begann, das Originalstück zu kürzen. Lange Mono- und Dialoge versuchte ich auf das Wesentliche zu reduzieren. Verschiedene Rollen kürzte ich heraus oder strich mehrere Figuren zu einer Person zusammen. Auf Grund des üblichen Männermangels in Theatern verwandelte ich einige Männerrollen in Frauenrollen um. Und der einfacheren Übersicht für Zuschauer und Spieler wegen, gab ich den Figuren statt der zwei bis vier russischen, einen, für unser Ohr besser verständlicheren, Namen.

Da bei uns Teile des Originalstücks auf Grund der Geografisch-geschichtlichen Differenz nicht nachvollziehbar sind, versetzte ich die Handlung in die Schweiz der "Golden Twenties". Ich wählte diese Zeit, weil ich mit dem damaligen Zeitgeist und der wirtschaftlichen Veränderung vor und nach dem Börsenkrach (1929) die "Entwicklung" der Figuren unterstützen wollte. Auch können die im Stück vorgesehenen gesellschaftspolitischen Tendenzen des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts in Russland auf die Zwanzigerjahre im Westen umgemünzt werden.

Um das Stück besser in diese Ära einzubinden und um die Zeitschritte innerhalb des Stückverlaufs plakativer zu machen, fügte ich die Rolle des allwissenden Dienstmädchens Jana hinzu. Zu Beginn eines jeden Aktes brachte sie den Fokus von exemplarischen Beispielen aus dem Weltgeschehen auf den Schauplatz des Stücks und ordnete die -versteinerten - Figuren an, so dass sie weiterspielen konnten.

Auf Grund des ausdrücklichen Wunsches der Dorfbühne und im Hinblick auf die Verständlichkeit - und die Volksnähe - des Stücks, übersetzten wir die gekürzten Originaltexte auf Schweizerdeutsch. Ich sage hier bewusst wir, da die Schauspielerinnen und Schauspieler ihren eigenen Text selbst in ihren eigenen Dialekt übersetzen mussten. Dabei entstand eine Vielfalt an Figurensprachen (Berner-, Zürcher-, Solothurner- und Walliserdialekt, sowie Deutsch mit französischem Akzent).

Nicht zuletzt diese Vielfalt brachte mich dazu, das Stück in einem walliser Erholungsgebiet anzusiedeln, in einem Nobelhotel in dem Gäste aus der ganzen Schweiz zusammentrafen.

Mit dieser Bearbeitung hatte ich nun eine vereinfachte Basis, in welcher ich humoristische Szenen gestalten konnte.

(Auszug aus meiner Zertifikatsarbeit des Till 1 "Wie gestalte ich eine humoristische Szene?")

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